Montag, 28. April 2008

Duckmäusertum wegen Internetforen?

Es mag eine gewagte These sein, die ich jetzt äußere ...

Folgendes fällt mir auf:
Wir sind ein Volk von stillhaltenden, aushaltenden, alles mitmachenden, schweigenden Menschen geworden.

Als "olle 68-erin" habe ich als Jugendliche, bzw. junge Erwachsene erlebt und gelebt, dass man sich gegen Zwänge, Ungerechtigkeiten und verordnete Gesetze auflehnte und/oder zumindest öffentlich dagegen protestierte.
Ich erinnere mich an eine "Rote-Punkt-Aktion" in Hannover, als - heute würde man sie "militant" nennen - Demonstranten wegen drastischer Fahrpreiserhöhungen des Öffentlichen Nahverkehrs, teilweise Schienen zubetonierten und alle Zu- und Abfahrten der Straßenbahnen durch Depot-Blockaden verhinderten. Damals gab es ein kollektives Bejahen dieser Aktion. Sehr viele Auto fahrenden Bürger beteiligten sich dahingehend, das sie ein weißes Schild mit rotem Punkt hinter die Windschutzscheibe klebten; sichtbares Zeichen, dass sie die Aktion unterstützten und jederzeit überall zwecks Mitfahren angehalten werden durften. Autos warteten in langen Schlangen an Straßenbahnhaltestellen und Taxenhalteplätzen. Schnell war man sich einig, wer wohin mit wem fahren konnte. Zeitgleich liefen mehrere Demos gegen die Fahrpreiserhöhungen an zentralen Plätzen in Hannover.
Ergebnis: Nach zwei Wochen ca. wurden die Preiserhöhungen zurück genommen.
Andere Beispiele gibt es viele: Leerstehende Häuser wurden besetzt und als, damals für junge Menschen sehr knapper, Wohnraum genutzt. "Studentenrevolten", ein dankbares Thema in den Medien und das Attentat auf Benno Ohnesorge brachte letztendlich damals viele dazu, sich der linken Anarcho-Bewegung anzuschließen.

Und heute?
Schaut Euch im Internet um. Für alles und Jedes gibt es Foren. Hier "rotten" sich hinter Nicks verborgene Menschen zusammen, die gegen Benzinpreiserhöhungen, Steuerungerechtigkeiten, zu niedrige Pendlerpauschalen, soziale Verelendung, Gebühren und fehlende oder falsche Gesetze wettern. Aber wem hilft das? Und vor allem, was ändert diese virtuelle Meckerei an den gegebenen Umständen?
Nix! Gar nix!

Die Reichen bleiben weiterhin reich oder werden immer reicher, Konzerne sacken fette Gewinne ein und entlohnen Mitarbeiter mit Hungergehältern, die Armen bleiben arm - mit oder ohne Arbeit.
Da gehen Kinder mit Plastiktüten anstatt Ranzen und ohne Essen zur Schule, weil ihren ALG-Eltern das nötige Geld fehlt. Warum auch immer, den Kindern ist das nicht anzulasten. Sie werden ausgegrenzt, während Schulausflügen und Fahrten in anderen Klassen geparkt, sitzen in Kindergärten während der Mitagsessenszeiten in einem extra Raum, weil die Eltern das geforderte Essensgeld nicht zahlen (können) und erfahren früh, was es in unserem Land heißt, "arm" zu sein.
Soziale Gerechtigkeit? Mitnichten. Politiker aller Parteien jammern über die Verschuldung des Staates und dass kein Geld für Schulspeisung, kostenlose Schulbücher und Lehrmittelausstattung vorhanden sei. Schließlich gibt es Kindergeld für jeden, der Kinder erzieht! Ja, ja - nur wird es leider bei den ALG-Familien mit der Stütze verrechnet. Und die Gutverdienenden? Die werden für ihre Kinder belohnt, indem sie anstatt des festgesetzten Betrages ihre Kinder "von der Steuer absetzen" können. Das rechnet sich ordentlich, ge besser man verdient um so mehr sackt man für die Kiddys ein ...
Lehrmittelfreiheit für sozial Schwache? Nein. Warum auch. Sollen die Kinder doch die abgelegten Schulbücher der älteren Geschwister nutzen. Pech nur, dass manche gar keine Geschwister haben. Außerdem gibt es in den meisten Schulen Arbeitshefte, die beschrieben werden und somit unbrauchbar zum Weitergeben sind.
Aber wir haben ja "Überallfernsehen". Wenn wir es schon nicht schaffen, allen Kindern gleiche Bildungschancen zu gewähren, können sie wenigstens vor PC's und Fernsehern geparkt werden um so zu verblöden oder/und manche von ihnen später als Heranwachsende alkoholisiert alles kurz und klein schlagen. Brecht hat einmal gesagt, dass jede Gesellschaft die Jugendlichen hat, die sie verdient.
Stimmt.

Warum sollen "armen" jugendliche Deutsche oder Migranten studieren? Uni-Gebühren in fast allen Bundesländern schaffen Bedingungen, dass die Reichen unter sich bleiben und eine "natürliche" Auslese stattfindet.
Und wie ist das mit den Alten, auf deren augenscheinlich auskömmliche Renten viele von uns neidisch sind? Blicken wir mal hinter die Fassade? Sehen wir wirklich diese Rentner objektiv? Sie brauchen ja nicht mehr viel: Ein Päckchen Weißmehl-Brot, ein Tiegel Margarine, ein Fertiggericht und etwas Quark. Ab und an einen Apfel ... Ihre Klamotten, Jahre alt und zerschlissen? Nun, wo zu sollen sie sich fein machen, sie können sich ja eh nirgendwo mehr hin gehen, sich oft nicht mal mehr eine, ihrem Alter gerechte, warme Wohnung leisten.

Es ist eine Lüge, dass jeder Bürger jeden Alters unseres Landes die Chance und das Recht auf Bildung und freie Entfaltung hat.
Schaut Euch um! Die überall in Großstädten vorhandenen Ghettos sprechen eine andere Sprache.
Die satten Zufriedenen schweigen - was geht es sie an.
Die Armen schweigen ebenfalls. Denn sie glauben nicht (mehr) an Gerechtigkeit, dass sie an dem Molloch Staat und an ihrer Armut etwas ändern können. Sie stehen in Schlangen bei Suppenküchen und kostenlosen Nahrungsmittelverteilstellen an.

Und was machen wir "Alten", die wir uns früher gegen soziale Ungerechtigkeiten und Bevormundung des Staates eingesetzt haben? Wir nicken beifällig bei "Hart aber fair", schauen "Maischberger" und "Anne Will" und sind empört über die soziale Schieflage in unserer Gesellschaft. Ja, dann bringen wir noch schnell die leere Flasche Wein in die Küche und gehen beruhigt in unser warmes Bett. Oder wir tingeln in Internet-Foren herum und machen unserem Unmut auf schreibende Weise Luft. Es gibt ja genug User, die virtuell klatschen und ähnliches zu berichten wissen.

Wenn jeder von uns im realen Leben etwas mutiger sein würde, könnten wir vieles ändern.
Es gibt viel zu tun. Packen wir es an.