Montag, 28. April 2008

Schmetterling und Taucherglocke

Ich lese gerade ...

Schmetterling und Taucherglocke von Jean-Dominique Bauby

Kann ein Mann, der nach einem Hirninfarkt am gesamten Körper gelähmt ist und nur durch Zucken seines Augenlids mit der Außenwelt kommuniziert, ein authentischen Buch schreiben lassen? Das noch dazu erfolgreich verfilmt wird?
Er kann.
Eben durch dieses Zucken, bzw. Blinzeln diktiert er seine Gedanken anhand von einer Sekretärin des Verlages hochgehaltenen Buchstabentafeln. Buchstabe für Buchstabe entstehen lesbar gemachte Gefühle, Wut , Trauer, Ironie, Sarkasmus und viele Erinnerungen an sein vorheriges Leben.
Bauby beschreibt seine Innenwelt, wie das Leben in einer Taucherglocke - aber seine Gedanken fliegen wie Schmetterlinge umher. Gleichzeitig wird ihm bewusst, und das teilt er im Roman völlig unsentimental, manchmal verbittert, aber an vielen Stellen mit aberwitzigem Humor mit, dass er nun "nach dem Leben und vor dem Tod" alle Zeit der Welt zum Denken und Erinnern hat - und Zeit für grenzenlose Phantasien.
Erschreckend liest man aber auch von Bauby, welche schlimmen Erfahrungen der am Locked-in-Syndrom Erkrankte mit Pflegern und Ärzten macht, die ihn kaum noch wahrnehmen, nicht mehr für voll nehmen, abgeschrieben haben, wie entwürdigend er sein Schicksal empfindet, von distanzlosen witzelnden Schwestern gewindelt zu werden. Und dann wieder teilt der Journalist seine unendliche Sehnsucht mit, seinen Sohn umarmen zu wollen.
Vergeblich.

Fazit: Ein emfehlenswertes Buch für Leser, die sich auf dieses Schicksal einlassen möchten und können.
Ich bin sehr beeindruckt und werde es sicher noch einmal lesen.

Hier noch ein Link zu weiteren Beschreibungen und Ausschnitte des gleichnamigen Films
http://www.schmetterling-und-taucherglocke.de/start.html

Duckmäusertum wegen Internetforen?

Es mag eine gewagte These sein, die ich jetzt äußere ...

Folgendes fällt mir auf:
Wir sind ein Volk von stillhaltenden, aushaltenden, alles mitmachenden, schweigenden Menschen geworden.

Als "olle 68-erin" habe ich als Jugendliche, bzw. junge Erwachsene erlebt und gelebt, dass man sich gegen Zwänge, Ungerechtigkeiten und verordnete Gesetze auflehnte und/oder zumindest öffentlich dagegen protestierte.
Ich erinnere mich an eine "Rote-Punkt-Aktion" in Hannover, als - heute würde man sie "militant" nennen - Demonstranten wegen drastischer Fahrpreiserhöhungen des Öffentlichen Nahverkehrs, teilweise Schienen zubetonierten und alle Zu- und Abfahrten der Straßenbahnen durch Depot-Blockaden verhinderten. Damals gab es ein kollektives Bejahen dieser Aktion. Sehr viele Auto fahrenden Bürger beteiligten sich dahingehend, das sie ein weißes Schild mit rotem Punkt hinter die Windschutzscheibe klebten; sichtbares Zeichen, dass sie die Aktion unterstützten und jederzeit überall zwecks Mitfahren angehalten werden durften. Autos warteten in langen Schlangen an Straßenbahnhaltestellen und Taxenhalteplätzen. Schnell war man sich einig, wer wohin mit wem fahren konnte. Zeitgleich liefen mehrere Demos gegen die Fahrpreiserhöhungen an zentralen Plätzen in Hannover.
Ergebnis: Nach zwei Wochen ca. wurden die Preiserhöhungen zurück genommen.
Andere Beispiele gibt es viele: Leerstehende Häuser wurden besetzt und als, damals für junge Menschen sehr knapper, Wohnraum genutzt. "Studentenrevolten", ein dankbares Thema in den Medien und das Attentat auf Benno Ohnesorge brachte letztendlich damals viele dazu, sich der linken Anarcho-Bewegung anzuschließen.

Und heute?
Schaut Euch im Internet um. Für alles und Jedes gibt es Foren. Hier "rotten" sich hinter Nicks verborgene Menschen zusammen, die gegen Benzinpreiserhöhungen, Steuerungerechtigkeiten, zu niedrige Pendlerpauschalen, soziale Verelendung, Gebühren und fehlende oder falsche Gesetze wettern. Aber wem hilft das? Und vor allem, was ändert diese virtuelle Meckerei an den gegebenen Umständen?
Nix! Gar nix!

Die Reichen bleiben weiterhin reich oder werden immer reicher, Konzerne sacken fette Gewinne ein und entlohnen Mitarbeiter mit Hungergehältern, die Armen bleiben arm - mit oder ohne Arbeit.
Da gehen Kinder mit Plastiktüten anstatt Ranzen und ohne Essen zur Schule, weil ihren ALG-Eltern das nötige Geld fehlt. Warum auch immer, den Kindern ist das nicht anzulasten. Sie werden ausgegrenzt, während Schulausflügen und Fahrten in anderen Klassen geparkt, sitzen in Kindergärten während der Mitagsessenszeiten in einem extra Raum, weil die Eltern das geforderte Essensgeld nicht zahlen (können) und erfahren früh, was es in unserem Land heißt, "arm" zu sein.
Soziale Gerechtigkeit? Mitnichten. Politiker aller Parteien jammern über die Verschuldung des Staates und dass kein Geld für Schulspeisung, kostenlose Schulbücher und Lehrmittelausstattung vorhanden sei. Schließlich gibt es Kindergeld für jeden, der Kinder erzieht! Ja, ja - nur wird es leider bei den ALG-Familien mit der Stütze verrechnet. Und die Gutverdienenden? Die werden für ihre Kinder belohnt, indem sie anstatt des festgesetzten Betrages ihre Kinder "von der Steuer absetzen" können. Das rechnet sich ordentlich, ge besser man verdient um so mehr sackt man für die Kiddys ein ...
Lehrmittelfreiheit für sozial Schwache? Nein. Warum auch. Sollen die Kinder doch die abgelegten Schulbücher der älteren Geschwister nutzen. Pech nur, dass manche gar keine Geschwister haben. Außerdem gibt es in den meisten Schulen Arbeitshefte, die beschrieben werden und somit unbrauchbar zum Weitergeben sind.
Aber wir haben ja "Überallfernsehen". Wenn wir es schon nicht schaffen, allen Kindern gleiche Bildungschancen zu gewähren, können sie wenigstens vor PC's und Fernsehern geparkt werden um so zu verblöden oder/und manche von ihnen später als Heranwachsende alkoholisiert alles kurz und klein schlagen. Brecht hat einmal gesagt, dass jede Gesellschaft die Jugendlichen hat, die sie verdient.
Stimmt.

Warum sollen "armen" jugendliche Deutsche oder Migranten studieren? Uni-Gebühren in fast allen Bundesländern schaffen Bedingungen, dass die Reichen unter sich bleiben und eine "natürliche" Auslese stattfindet.
Und wie ist das mit den Alten, auf deren augenscheinlich auskömmliche Renten viele von uns neidisch sind? Blicken wir mal hinter die Fassade? Sehen wir wirklich diese Rentner objektiv? Sie brauchen ja nicht mehr viel: Ein Päckchen Weißmehl-Brot, ein Tiegel Margarine, ein Fertiggericht und etwas Quark. Ab und an einen Apfel ... Ihre Klamotten, Jahre alt und zerschlissen? Nun, wo zu sollen sie sich fein machen, sie können sich ja eh nirgendwo mehr hin gehen, sich oft nicht mal mehr eine, ihrem Alter gerechte, warme Wohnung leisten.

Es ist eine Lüge, dass jeder Bürger jeden Alters unseres Landes die Chance und das Recht auf Bildung und freie Entfaltung hat.
Schaut Euch um! Die überall in Großstädten vorhandenen Ghettos sprechen eine andere Sprache.
Die satten Zufriedenen schweigen - was geht es sie an.
Die Armen schweigen ebenfalls. Denn sie glauben nicht (mehr) an Gerechtigkeit, dass sie an dem Molloch Staat und an ihrer Armut etwas ändern können. Sie stehen in Schlangen bei Suppenküchen und kostenlosen Nahrungsmittelverteilstellen an.

Und was machen wir "Alten", die wir uns früher gegen soziale Ungerechtigkeiten und Bevormundung des Staates eingesetzt haben? Wir nicken beifällig bei "Hart aber fair", schauen "Maischberger" und "Anne Will" und sind empört über die soziale Schieflage in unserer Gesellschaft. Ja, dann bringen wir noch schnell die leere Flasche Wein in die Küche und gehen beruhigt in unser warmes Bett. Oder wir tingeln in Internet-Foren herum und machen unserem Unmut auf schreibende Weise Luft. Es gibt ja genug User, die virtuell klatschen und ähnliches zu berichten wissen.

Wenn jeder von uns im realen Leben etwas mutiger sein würde, könnten wir vieles ändern.
Es gibt viel zu tun. Packen wir es an.

Sonntag, 27. April 2008

Sonntag!



Heute Morgen war ich recht früh im Garten und habe die Tomatenpflänzchen im Gewächshaus gegossen. Und dann spazierte ich mit meiner Kamera die Graswege entlang. Endlich scheint die Sonne und die Tulpen öffnen sich. Leider ist es nun für eine optimale Belichtung zu hell. Egal. Trotzdem fotografiere ich ein paar Motive ... als "Seelenwärme"-Vorrat für unwirtliche Wintertage.

Vergissmeinnicht, Tulpen, Traubenhyazinthen und Löwenzahn blühen um die Wette . Darüber ein Meer von weißen Kirsch- und rosa Apfelblüten. Wie schön!
Allerdings werde ich wohl nur wenige Früchte ernten können. In diesem Jahr fliegen kaum Bienen - nur hier und da eine riesige, schwarz-gelb gestreifte Hummel und selten ein paar kleine Erdhummeln. Auch in den Johannis- und Stachelbeerbüschen ist es still. Ich vermisse das vielstimmige Gesumm der kleinen Blütenstaubsammler. Aber überall wuseln Marienkäfer herum. Nun ja, sie werden wohl wenigstens ein bisschen dazu beitragen, dass die Blüten bestäubt werden.

Nun gut, liebe Leser, ich lade Euch auf einen kurzen Spaziergang durch meinen Bio-Garten ein.
http://picasaweb.google.de/Gitana52/GartenImApril2008
Ich habe allerdings darauf verzichtet, die Kartoffel, Zwiebel- und Gemüsebeete zu fotografieren! Da guckt eh noch nichts raus. Im Juli gibt es dazu eine extra Fotoschau.

Nächste Woche wird es wieder kälter und regnerisch, die wichtigsten Gartenarbeiten sind vorerst getan. Dann finde ich gewiss wieder Zeit zum Beantworten der liegengebliebenen Mails.

Ich wünsche allen einen schönen Sonntag - Carpe Diem!
Liebe Grüße
Elke

Dienstag, 22. April 2008

Der ganz alltägliche Wahnsinn

Frühling!
Überall grünt und blüht es. Die Luft riecht nach Apfel- und Kirschblüten.
Zeit für ausgiebige Spaziergänge in warmem Sonnenschein.
Spaziergänge?
Nee, weit gefehlt. Sonnenschutzcreme auf die Nase und ab in den Garten. Ich möchte zehn Paar Hände haben und an jeden Tag ein paar Stunden dranhängen.
Wer, wie ich, einen großen Obst- und Gemüsegarten hat, wird mich verstehen.
Die Beete müssen gelüftet werden, Stauden gedüngt und der Kompost zwischen Obstgehölze verteilt werden.
Für erste Aussaaten wird es höchste Zeit: Porree, Salat, Erbsen, Radieschen, Möhren und Kohlrabi. Die Zwiebeln wachsen bereits und ersten zarten Knoblauch-Lauch habe ich schon geerntet. Morgen werden die vorgekeimten Kartoffeln unter Folie gebracht und vorgezogene Tomaten- und Chillipflänchen ins Gewächshaus gepflanzt.
Erst dann kann ich mir ein paar ruhige Stunden im Garten gönnen.
Nein, wohl doch nicht, der Rasen wächst bereits handhoch. Und da ich ökologisch bewusst, keinen Benzinmäher habe, werde ich mich wohl aufraffen, endlose Bahnen mit dem im Winter eingerosteten Mäher zu ziehen. Kraftsport der besonderen Art!
Trotzdem, ich freue mich an einem Meer von Tulpen, Vergissmeinnicht und Perlhyazinthen. Der Süßkirschenbaum beginnt zu blühen und überall wuseln schwarz-gelb gestreifte Riesenhummeln herum. Bienen sehe ich kaum. Außerdem habe ich einen aufmerksamen Gast: Ein Amselmännchen hüpft mutig neben mir herum, beobachtet genau, wo ich harke und ist sofort zur Stelle, wenn ich ihm einen Regenwurm vor den Schnabel werfe. Wie schön. Seine Brut wird es ihm danken.

Sonntag, 20. April 2008

Ich lese gerade ...

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury
in der Übersetzung von Fritz Güttinger (1955)
Auszug und gekürzte Inahltsangabe aus Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Fahrenheit_451_(Roman)

Fahrenheit 451 spielt in einer Welt, in der es als schweres Verbrechen gilt, Bücher zu lesen oder gar zu besitzen. Die Gesellschaft wird vom politischen System abhängig, anonym und unmündig gehalten ...

Hauptperson des Romans ist der Feuerwehrmann Guy Montag, der zunächst kritiklos in diesem System funktioniert. Durch die 17-jährige Clarisse lernt er die Kunst der Worte, den Wert freien Denkens und die Schönheit der Natur kennen. Heimlich liest er Bücher und beginnt die Welt mit anderen Augen zu sehen ...

Die Gesellschaft im Roman ist sehr monoton aufgebaut. Ihr Ziel ist es, die Bevölkerung ununterbrochen mit simplen Mitteln zu beschäftigen und sie so von wichtigen Ereignissen wie Kriegen abzulenken. Dies wird zum Beispiel mit Fernsehshows erreicht, die über Videoleinwände im heimischen Wohnzimmer zu schauen sind und an denen sich die Zuschauer beteiligen können, aber auch durch große Vergnügungsparks ...

Menschen, die Bücher besitzen und lesen, sind Staatsfeinde, die verfolgt werden. Ihre Häuser und Bibliotheken werden von Feuerwehrmännern angezündet, wobei zum Teil auch Tote in Kauf genommen werden.

Diese Verfassung der Gesellschaft wurde allerdings nicht durch die herrschende, totalitäre Regierung selbst herbei geführt.
Vielmehr haben sich die Menschen durch ihren steigenden Medienkonsum, insbesondere durch das Fernsehen, selbst in diese Lage gebracht.

Meine Meinung dazu:
Wenn man überlegt, zu welcher Zeit der Autor das Buch schrieb (1953) und wie weit wir jetzt schon in unserem und in anderen "demokratischen" Staaten gekommen sind! Erschreckend!
Und noch schockierender finde ich, dass wir auf dem besten Weg zu einem totalitären Überwachungsstaat sind - im Guten wie auch im Bösen!

Ein sehr empfehlenswertes Buch, das zum Nachdenken über unserer ganz persönliches Verhalten und Stillhalten in unserem Land anregt. Werden "wir" auch schon mit Hilfe von verblödendem Medieneinheitsbrei dumm, bequem und sprachlos gemacht?

Mittwoch, 16. April 2008

Teufel und Belzebub

Heute war ich, wie jeden Morgen, mit meinem Hund in den Feldern unterwegs.

Von vorn begegnete mir ein Trecker mit Anhänger - darauf ein riesiges gelbes Fass und eine eingeklappte Sprühvorrichtung.
Kurz darauf musste ich erneut einem ähnlichen Gefährt ausweichen.
Die Landmaschinen fuhren rechts und links auf Felder mit handhoch gewachsenem Getreidegrün, klappten ihre Sprühanlagen aus zogen dann laut und stinkend ihre Bahnen. Dabei vernebelten sie mit süßlich scharfem Duft, den der Wind bis zu uns trug, die Landschaft.

Ich bemerkte, wie sich in unmittelbarer Nähe ein Feldhase duckte. Es ist Setz- und Schonzeit! Hunde müssen in Wald und Wiesen angeleint bleiben. Richtig so.

Aber ... wer schützt Hasen und Wildkaninchen, (keine Fluchttiere, sie ducken sich bei drohender Gefahr) vor Treckern und Chemieduschen?

Unsere Wildtiere werden zunehmend gefährdet - ja, ausgerottet und die Nester von Bodenbrütern z. B. Feldlerchen und Kiebitze, durch intensive Landwirtschaft zerstört.
Jetzt wird auch noch BIO-Sprit gefördert, die intensive Spritzungen und Chemiedünger bedürfen. Unzählige BIO-Gasanlagen für nachwachsende Rohstoffe (Rapps, Mais, Klee) werden gebaut.
Das bedeutet: höheren Einsatz von Pestiziden, Herbiziden, Phosphatdüngung und großflächige Rekultivierung vormals brachliegender Flächen. Der Schutz unserer Fauna und Flora bleibt dabei außen vor.

Sehr still bin ich nach Hause gegangen - mit einem pausenlos niesendem Hund und traurigen Gedanken. Viele der wenige Wochen jungen Feldhasen werden diesen Morgen nicht überlebt haben. Im Gegensatz zu Kaninchen leben sie nämlich nicht in geschützten Höhlen, sonder ducken sich, gut getarnt, vom Tag ihrer Geburt an zwischen Gräsern und in Getreidefeldern. In eben diesen Feldern ...

Anstatt Energiegewinnung aus Sonne, Wind und Erdwärme weiter zu erforschen, zu fördern und zu forcieren wird unser aller natürlicher, autarker Lebensraum immer kleiner.

Treiben wir den Teufel mit dem Belzebub aus?
Ist diese Art von Umweltvergewaltigung im Sinne unseres "Blauen Planeten"?

Dienstag, 8. April 2008

War damals alles besser?



Harsch pustet böiger Aprilwind durch mein schütteres Haar. Bestimmt wird sich abends bohrender Kopfschmerz einstellen. Trotz alledem: Ich werde mich nicht daran gewöhnen, eine alte Frau zu sein. Nicht mehr barfuß ausgetretene Lehmwege entlang hüpfen zu können ist bitter, dafür gönne ich mir wenigstens das bisschen Freiheit zerzauster Haare auf meinem Spaziergang. Wachen Auges für meine Umwelt und trotzdem, wie alte Leute nun mal so sind, immer wieder in Gedanken an Vergangenes versunken, schlendere ich weiter ...
Am Spielplatz in unserer Siedlung machte ich Halt. Dort lässt es sich sicher gut verweilen, um ein paar letzte Sonnenstrahlen zu genießen. Ich finde eine leere Bank. Drei Mütter sitzen auf einer anderen und rauchen. Wunderschön herausgeputzte Kleinkinder stehen unschlüssig am Rand der Sandkiste. Der Lenker eines rosafarbenen Kleinkindrades glitzert mit herumliegenden Glasscherben um die Wette.
"Nein!", ruft eine der Frauen barsch über den Platz, "geh da nicht rein, Du wirst schmutzig!"
Ein kleines Mädchen bleibt abrupt stehen, wendet sich fragend um und entfernt sich dann zögernd vom Sandkasten in Richtung Klettergerüst.

Niemand hatte unser Weggehen bemerkt. Die Erwachsenen waren mit ihren frühabendlichen Verrichtungen zu beschäftigt, um sich um unser Verschwinden zu kümmern. Mutter versorgte ihren alten Vater, der bettlägerig im Dachstübchen lebte und Vater hackte hinterm Schuppen Holz.
Friedel, der Älteste, er ging seit letztem Sommer zur Schule, streifte zuerst Schuhe und Strümpfe ab. Wir taten es ihm gleich und krempelten zudem noch unsere schmutzstarrenden, feuchten Hosenbeine hoch. Endlich Frühling! Es roch nach frisch gemähtem Klee und Abenteuer. Die Luft war erfüllt vom Tschilpen der Sperlinge, Lerchengesang und Kibitzgeschrei. Aber das war uns egal.
Hans greinte. Dem Kleinsten war das nasse Gras zu kalt. Also zog ich ihm fürsorglich Wollsocken und Schuhe wieder an.
Von weitem erklang Hufgeklapper! Hell, metallen und durchdringend kam es immer näher. Dann hörten wir Flüche und lautes Knallen einer Peitsche. Ein Karren kam! Gleich war er da.
Flink versteckten wir uns hinter der Milchpritsche und warteten ab. Evi kicherte.
"Pssst! Sonst gibts Ärger!". Friedel hielt ihr den Mund zu.
Bauer Randers hiefte mehrere schwere Zinkkannen auf die Eichenbohlen. Er wendete das Fuhrwerk und die nun nicht mehr mürrischen Haflinger trabten erleichtert dem heimatlichen Stall und gefüllten Futtertraufen entgegen.
Evi nahm eine verbeulte Suppenkelle, die hatte sie von zu Hause stibitzt, und klopfte lachend aufs Holz. Friedel hatten große Mühe, den verbeulten Deckel von einer der Kannen zu entfernen. Endlich geschafft! Meine Schwester durfte zuerst trinken. Dann klein Hans. Und dann Friedel. Ungeduldig wartete ich, bis ich endlich an der Reihe war. Wie gut die Milch schmeckte. Lauwarm war sie noch, sehr fettig und roch ein wenig nach Rübensilage. Wir tranken abwechselnd Kelle um Kelle und stillten unseren Durst. Später gab es kein Abendbrot, das war gewiss. Schließlich war es uns bei derartiger Strafe verboten, nach Hereinbrechen der Dämmerung draußen herum zu ziehen. Also schnell noch ein paar Schlucke. Das machte satt.

Schnatternd stehen die Mütter auf. Eines der Kinder steigt aufs Rad, lässt sich zur Umzäunung schieben. Stützräder quitschen. Eine der Frauen verteilt mitgebrachte Trinkpäckchen an die Kleinen, eine andere rot-weiß eingepackte Schokoriegel. Papier und Zigarettenkippen werden achtlos weggeworfen. Während die Schar an mir vorüberzieht, fange ich ein paar Gesprächsfetzen auf.
"... will immer nur Süßes essen. Oder Nudeln mit Ketchup".
"... werde nachher gleich ihre Sachen waschen. Ich komm nicht mehr hinterher. Andauernd sitzt sie im Dreck".
"Im Kindergarten war sie heute draußen im Gelände. Die Grasflecken bekomm' ich nicht mehr raus".
"Katharina! Nicht aufheben. Das ist Bäh! Komm jetzt endlich! Gleich gibt's Sandmännchen."

Direkt über uns leuchete die einzige Straßenlaterne des Asphaltierten Weges. So spät war es schon? Zwei Katzen schlichen zögernd näher, duckten sich scheu und schleckten dann vorsichtig ein paar Milchtropfen von festgetrampelten Grashalmen. Schnell nach Hause! Wir rannten los ohne zu merkten, dass wir Schuhe und Strümpfe vergessen hatten.
Mutter wartete schon grimmig an der Haustür.
"Na, ihr Rabauken! Wo habt ihr euch wieder rumgetrieben? Hatte Vater DAS nicht ausdrücklich verboten?"
Hans krähte, ehe ich ihm den Mund zu halten konnte: "Wir waren Milch trinken. Evi hat 'ne Schöpfe gehabt!"
Mutters Mine wurde noch düster. Dann schimpfte sie uns barsch aus. War ja klar - wir mussten uns waschen und wurden ohne Abendbrot ins Bett geschickt. Mutter machte sich währenddessen auf den Weg, unsere Schuhe zu holen. Kichernd verzogen wir uns in die Etagenbetten und flüsterten noch lange von unserem abenteuerlichen Frühlingsausflug. Hans schlief bereits tief und fest. Irgendwann spät am Abend hörte ich Mutter draußen auf dem Hof hin und her gehen. Sie räumte den Backofen aus. Die eiserne Tür quitschte durchdringend. Morgen würde es frisches Brot geben.

Glasscherben funkeln im Neonlicht der vielen Straßenlaternen um mich herum. Mühsam erhebe ich mich und schlurfe vom Spielplatz. Mein Rücken tut weh, die Beine wollen nicht in Gang kommen. Mir ist kalt. Unterwegs begegnet mir ein Tross Jugendlicher. Sie trinken abwechselnd aus einer Schnapsflasche. Ein schwarzes Plastikungetüm, von einem der Jungs auf der Schulter getragen, knallt Bässe und stotternden Sprechgesang in den vormals friedlichen Frühlingsabend. Ich wende mich ab und gehe nach Hause.
Lähmende Stille empfängt mich. Mein erster Handgriff - Fernseher anschalten - Nachrichten gucken.
" ... bei dem Anschlag wurden mehr als achzig Personen getötet und weit über hundert verletzt, darunter viele Kinder. UN-Truppen riegelten das Gebiet weiträumig ab. Und nun der Wetterbericht ..."
Ich schmier mir ein Brot, lausche den Vorhersagen und einer Unwetterwarnung für die Nordfriesischen Inseln und setze mich vor den Fernseher. Gleich kommt ein Krimi. Etwas Spannung in der Tristesse und Einsamkeit kann ich gut brauchen, auch wenn ich wahrscheinlich, wie fast jeden Abend über den Film einschlafen werde.

Am nächsten Morgen rüttelte mich Vater wach. Friedel war längst auf dem Weg zur Schule, Hans schnarchte leise. Noch schlaftrunken blinzelnd, bekam ich eine schallende Ohrfeige.
"Das ist dafür, dass Du nicht gefolgt bist. Und fürs Stehlen! Zur Strafe mistest Du heute den Hühnerstall aus und darfst eine Woche nicht vom Hof. Wehe, ich erwische dich! Friedel wird heute Fahrräder putzen! Und zwar alle!"
Dann bekam ich noch einen derben Knuff, der mich aus dem Bett trieb.
Ich zog mich rasch an. In der Küche rührte Mutter schwitzend mit einem großen Holzlöffel in einem Bottich herum. Heute war Waschtag. Wassertröpfchen zischten auf der Herdplatte und orangefarbene Flammen züngelten lichterloh durch einen Spalt zwischen den Ofenringen. Es roch nach Birkenholz und frisch geriebener Kernseife. Stumm, hervorquellende Tränen verdrückend, auf neues Geschimpfe wartend, aß ich ein krosses Butterbrot mit frisch geschöpftem Quark.
"Da weißt, was Vater gesagt hat, also marsch in den Hühnerstall!", unterbrach Mutter mein stummes Frühstück und scheuchte mich mitsamt dem Brot auf den Hof.
Das Ausmisten dauerte bis zum Mittag. Ich mühte mich redlich. Mehrmals kippte die Schubkarre mit der stinkenden Fracht um oder blieb auf dem lehmigen Grund zum Misthaufen stecken. Vater war längst in den Wald gegangen und zersägte dort morsche, vom Frühjahrssturm gefällte Buchenstämme zu Brennholz.
Mutter schickte mich mit seinem Mittagessen zum Wäldchen. Mit gefülltem Kochgeschirr zog ich los.Wie ich seinen neuerlichen Wutausbruch fürchtete! Aber das war unbegründet. Sein Zorn war verraucht. Kaum angekommen, zeigte er mir lachend ein paar gesammelte Kiebitzeier. Eins davon durfte ich ausschlürfen, die anderen behielt er für Mutter. Alles war wieder gut.
Auf dem Rückweg traf ich Friedel. Ich sah ihn schon von weitem auf dem rostigen, viel zu großen Fahrrad den Feldweg entlang radeln. Das Rad flog an den Grabenrand, die Schultasche daneben. Und dann wateten wir schwatzend durch seichtes, eiskaltes Wasser. Wir entdeckten die ersten Kaulquappen dieses Jahres. Manche hatten sogar schon kleine schwarze Vorderbeinchen. Friedel kramte seine Frühstücksbüchse hervor. Wir schöpften Wasser hinein und ein paar Tierchen. Lange saßen wir im Gras und beobachteten das schlingernde Umherschwimmen der Froschbabys. Später fingen wir noch Wasserskorpione und Köcherfliegen. Wir vergaßen die Zeit. Als wir uns endlich mit unserem Fang auf den Heimweg machten, dämmerte es bereits.
Diesmal stand Vater am Tor. Wir bekamen die erwarteten Ohrfeigen, aber hinterher wenigstens Abendbrot. Allerdings mussten wir zur Strafe draußen im Stehen essen, danach waschen und sofort ins Bett. Das machte uns aber gar nichts aus. Während die Eltern in der Küche leise miteinander plauschten, schlich Friedel hinaus. Er holte seine Frühstücksdose vom Gepäckträger und stibitzte ein Einmachglas aus dem Keller. Später beobachteten wir noch lange im Schein einer Taschenlampe träge umher schwimmende Kaulquappen in unserem neuen Aquarium.

Am Morgen dusche ich lange und ausgiebig. Das Radio dudelt irgend einen Werbespot, einziger Trost in meiner morgendlichen Einsamkeit. Helles Kinderlachen, dann verspricht eine quäkende Stimme Rundumgesundheit durch Multivitaminsaft.
Grau und neblig ist es draußen. Es nieselt. Diesmal mit Hut, mache ich mich auf den Weg. Zuerst zum Bäcker. Zu spät. Brötchen sind aus. Dort treffe ich eine Nachbarin. Sie will zum Supermarkt. Ich begleite sie und kaufe auch ein paar Kleinigkeiten ein. Wurst, Quark und heiße, aufgebackene Brötchen aus dem Backshop. Dann gehen wir zur Reinigung und holen meine Bettwäsche ab.
Ein Bus hält neben uns. Lärmend drängeln sich Schulkinder fast gleichzeitig heraus. Ich beobachte drei halbwüchsige Mädchen, die sich abwechselnd über die Schultern gucken und dabei kichernd auf kaum handgroße Geräte tippen. Schnarrende Melodien ertönen. Die Dinger machen ja Musik! Ein Junge gesellt sich hinzu. Kramt seinerseits ein schwarzes Plastikteil hervor und hält es in Augenhöhe vor die Mädchen. Das Ding gibt ein kurzes "Klick" von sich. Erneutes Gekicher. Nun beugen sich alle über das Gerät. DAS macht anscheinend sogar Fotos.
Meine Nachbarin verabschiedet sich. Sie will noch im Altenheim vorbei gehen, ihre senile Schwester besuchen. Die Bettwäsche wiegt schwer. Hätte ich doch meinen Trolley mitgenommen. Nur noch um die nächste Straßenecke, dann bin ich endlich zu Hause.
Da! Hufgeklapper! Hell, metallen und durchdringend. Braun glänzende Pferde traben vorbei. Sie ziehen eine Hochzeitskutsche.
Es klingt wie damals.

Ja, damals war alles besser. Und jetzt habe ich Appetit auf ein Glas Milch.


(c) Elke Kemna








Mittwoch, 2. April 2008

Kieselndes

Sehnsucht nach Wärme